Berichte über Gewalt

Engagierte Theatermacher der Gruppe „Theater Till“ kamen mit ihrer Anti-Gewalt-Performance „Berichte über Gewalt“ am 22. Oktober in die neunten Klassen unserer Schule. Den Neuntklässlern wurde vermittelt, das fünf Personen mit Gewalterfahrungen durch eine Agentur gecastet wurden und vor ihnen über ihre Lebensgeschichte und die erfahrene oder ausgeübte Gewalt berichten werden. Die Schauspieler spielten ihre Rollen dann auch so überzeugend, dass die Auflösung zum Ende der Performance für alle Anwesenden überraschend war.

Anfangs forderte ein ebenfalls anwesender Moderator der Theatergruppe die fünf Darsteller auf, Gewalt aus ihrer Sicht zu definieren und anschließend über ihre Gewalterfahrung zu berichten. Die Lebensgeschichten der Darsteller beruhen auf realen Ereignissen, welche in unserem Land in den letzten Jahren passiert sind. Den Auftakt machte der junge deutschtürkische Darsteller und berichtete wie sein Freund von Neonazis zusammengeschlagen und schwer verletzt wurde. Heute sitzt sein Freund im Rollstuhl. Dieses Erlebnis hat ihn psychisch stark mitgenommen und gegenüber Menschen die er als Nazis einordnet sehr aggressiv gemacht. Die Schülerreaktionen waren durchweg mitfühlend, dabei wurden jedoch seine oberflächliche Einstufung von Menschen in die Kategorie Nazi und seine starke Aggression außer Acht gelassen.

Die zweite Geschichte erzählte ein junger Neonazi. Seine Mutter verlor ihre Arbeit, als der Laden in dem sie tätig war durch einen vietnamesischstämmigen Geschäftsmann übernommen wurde. Voller Wut und Hass drang der junge Mann in den Asia-Laden ein und schlug den neuen Inhaber krankenhausreif. Seine ausländerfeindliche Einstellung hat er bis jetzt nicht abgelegt. Im nachfolgenden Dialog mit den Schülern kam immer wieder die Frage nach dem Warum. Das Verständnis für diese Tat war äußerst gering.

Danach folgte ein engagierter Lehrer der durch Schüler über Jahre hinweg durch Lästereien und weiteres negatives Verhalten psychisch fertig gemacht wurde. Eine dumme Bemerkung hinter seinem Rücken brachte eines Tages das Fass zum Überlaufen und er verpasste dem betreffenden Schüler im Affekt eine Ohrfeige. Sofort nach dem Schlag bereute der Lehrer seine Handlung, konnte sie aber nicht mehr rückgängig machen. Nach seiner Versetzung an eine andere Schule setzt er sich deshalb für mehr Respekt und Anerkennung der Schüler gegenüber den Lehrern ein. Im Dialog mit dem Lehrer fanden sich ausschließlich Jungs zusammen und zeigten sich verständnisvoll und mitfühlend. Sein Engagement für mehr gegenseitigen Respekt wurde sehr positiv bewertet.

Eine Teenagerin berichtete, wie eine Mitschülerin die von ihr furchtbar gemobbt wurde, sich das Leben genommen hat. Im Abschiedsbrief des Mobbingopfers wurde sie als Hauptschuldige für den Selbstmord benannt, hat aber überhaupt kein Einsehen in ihre Schuld und feindet das verstorbene Mädchen als Heulsuse und Schwächling an. Die Schüler waren von der Darstellung der Teenagerin derart entsetzt, dass sich niemand fand um mit ihr zu sprechen oder ihr Fragen zu stellen.

Zuletzt erzählte eine Frau, dass sie am Fenster ihrer Wohnung Zeugin einer versuchten Vergewaltigung wurde. Entschlossen rannte sie auf die Straße und brüllte die Vergewaltiger an, von dem Opfer abzulassen. Die Weinflasche, welche sie als Waffe zu ihrer Verteidigung mitgenommen hatte, wurde ihr von den Männern abgenommen und in ihrem Gesicht zertrümmert. Davon behält sie neben einer entstellenden Narbe auch große psychische Probleme. Sie hat ihre mutige Tat von damals sehr bereut und warnt heute andere davor in Notfällen einzugreifen. Ausschließlich Mädchen sprachen mit der Frau, um ihr Respekt für ihre mutige Tat auszusprechen. Die Meinung dass man Anderen in Not nicht helfen sollte fand im Schülerdialog eher wenig Beachtung.

Die Schüler waren von der Emotionalität der Darsteller und den Diskussionen mit ihren Mitschülern überrascht und berührt. Die Performance hat sicher zum Nachdenken über das eigene Verhalten angeregt. Ein herzlicher Dank gebührt Frau Hambach und Frau Sambale, welche sich mit viel Engagement für die Aufführung an unserer Schule eingesetzt haben.                                                                                                                                     

Lena Wolf, Klasse 10b